Peter Studer

SKU 88 2007

«Nach 355 Jahren: Licht aus für das Rohpapier»

Geberit, Hilti und Lantal Textiles haben sich erfolgreich in Lösungsanbieter verwandelt. Jetzt begibt sich Peter Studer mit seinem Personal auf diesen Weg. Nach einem radikalen Umbau soll die Cham Paper Group das progressivste Unternehmen der Branche sein.

Peter Studer wählt seine Worte mit Bedacht. Dinge schön zu reden, ist dabei nicht seine Absicht. «Die Rohpapierproduktion aufzugeben, die seit 355 Jahren unser Kerngeschäft war, das ist eine brutal schwierige Situation für uns, die Angestellten und für die Region», sagt er. Im Dezember 2011 kündigte sein Unternehmen den kompletten Ausstieg aus der Produktion von Rohpapier an. 200 bis 220 der insgesamt 320 Angestellten am Standort Cham – konzernweit sind es heute total 660 Mitarbeitende – verlieren bis Ende 2014 ihre Stelle. In den weitläufigen Fabrikhallen werden zwei lange Bahnen mit schweren Maschinen stillgelegt. Weiter betrieben werden nur jene zwei anderen Anlagen für die Veredelung und Beschichtung – also die Herstellung von gestrichenen Spezialpapieren –, mit denen die Cham Paper Group auch in Zukunft für Furore sorgen kann.

 

Angesichts des Stellenabbaus und des Abschieds vom historischen Kerngeschäft könnte man denken, die Firma stehe mit dem Rücken zur Wand. Doch eben hat das Unternehmen, das 2011 einen Umsatz von gut 309 Millionen Franken erwirtschaftete, beispielsweise 20 Millionen Franken in eine neue Maschine investiert. Das schwierige Jahr 2010 brachte einen verschmerzbaren Verlust von 1,8 Millionen Franken. 2011 resultierte ein Minus von 92,1 Millionen Franken. Zum Vergleich: 2009 betrug der Konzerngewinn knapp 16 Millionen Franken. Doch 2011 schaut vor allem wegen der einmaligen Restrukturierungskosten von rund 80 Millionen so traurig aus. Kommt dazu, dass die Firma dank der Auslagerung des Immobiliengeschäfts gut gepolstert ist und zudem über hohe stille Reserven auf den selbst genutzten Liegenschaften verfügt.

 

Wo liegt denn das Problem? «Seit Anfang 2010 verlieren wir jeden Monat rund 1 Million Franken auf der Währung, und wenn es stark blutet, muss man die Blutung stillen», antwortet Peter Studer. Er steht vom Tisch auf und skizziert an einer Tafel in seinem Büro eine 100-Meter-Bahn. Am Start stehen Sprinter. Dann zeichnet er zusätzlich die Schweizer Sprinter ein. Ihr Rennen beginnt 20 bis 30 Meter hinter der Startlinie. «Da können Sie der Beste der Welt sein und trainieren wie ein Verrückter. Doch auf 100 Meter haben Sie keine Chance.»

 

Die Cham Paper Group erzielt 99 Prozent ihres Umsatzes im Ausland, rund 80 Prozent entfallen auf Europa. Es gibt kein Schweizer Geschäft, das Währungsverluste aus dem Euro auch nur ansatzweise dämpfen könnte. Peter Studer, seine Geschäftsleitung und der Verwaltungsrat hatten die gleiche Wahl wie andere Schweizer Produktionsbetriebe, die unter dem hohen Franken leiden:

 

  • Erstens: Abwarten, Reserven anzapfen und hoffen

  • Zweitens: Jetzt handeln, als ob sich der Euro nie mehr erholen würde

 

Die Cham Paper Group entschied sich für die aktive Haltung. Peter Studer: «Unsere Spezialpapiere sind kompetitiv, wir haben gute Ideen und wir besitzen das Geld, um den Umbau zu finanzieren. Deshalb nehmen wir das Heft lieber selbst in die Hand, statt nur auf bessere Zeiten zu hoffen.»

 

Vorgespurt hatte der Chef bereits 2007 mit seiner Strategiearbeit, die er im Rahmen des SKU Advanced Management Program erstellte (siehe Kasten «Strategie für den Umbau»). Schon damals war ihm klar: Der Schweizer Standort funktioniert nur über einen hohen Innovationsgrad. Zwei Jahre später übernahm Studer die operative Leitung der gesamten Gruppe und kurz darauf brach der Euro dramatisch ein. Ein Jahr lang prüfte das Führungsteam Szenarien von Partnerschaften bis hin zu Fusionen. Fünf Businesspläne wurden gerechnet. Die Verantwortlichen entschieden sich für Alleingang und Unabhängigkeit und gingen den drastischen Umbau in Cham an.

 

Peter Studer kommt auf sein Bild vom 100-Meter-Sprint zurück, der in seinem Geschäft über den Preiskampf führt und in Zeiten des schwachen Euros bereits am Start verloren ist. «Stattdessen werden wir zu Orientierungsläufern. Die müssen auch gut trainiert sein und sie brauchen zusätzlich Köpfchen», sagt er. Weniger bolzen, mehr denken, lautet die Devise. Ein neuer Weg, den sich die Konkurrenz noch kaum vorstellen kann (siehe Kasten «Restrukturierung hin zum Lösungsanbieter»).

 

Drei Schweizer Unternehmen ausserhalb seiner Branche, die beispielhaft vo rangehen, kommen Peter Studer spontan in den Sinn: Geberit, Hilti und Lantal Textiles. In ihre Fussstapfen zu treten, wird eine grosse Herausforderung. «Wir haben Ideen und schöne Konzepte. Jetzt wartet viel Umsetzungsarbeit auf uns. Jetzt müssen wir es machen», sagt er.

Text: Dave Hertig

 

Peter Studer

(1968) ist CEO der Cham Paper Group. Der Chemiker mit Zusatzausbildung in Betriebswirtschaft und Unternehmensführung stiess 2004 über den Bereich Entwicklung zur Firma. 2007 übernahm er die Verantwortung für die Schweizer Werke (Cham-Tenero AG). Seit 2009 leitet er das operative Geschäft des gesamten Konzerns. Studer war vor seinem Einstieg in Cham für Kimberly-Clark und das Departement VBS des Bundes tätig.

 

Cham Paper Group – Die Restrukturierung in Kürze:

  • Cluster 1/Innovation: Was aussergewöhnliches Wissen und Spitzentechnologie erfordert, entsteht in Cham. Gleichzeitig positioniert sich die Cham Paper Group neu als Lösungsanbieterin. Zum Teil tritt sie damit in Konkurrenz zu bisherigen Kunden.

  • Cluster 2/Effizienz: Spezialpapiere werden wie bisher in der Produktionsstätte in Condino in der Nähe des Gardasees hergestellt und die Fabrikation des rentablen Teils der komplexeren Produkte, die bisher aus der Schweiz kamen, transferiert die Cham Paper Group zum Standort Carmignano, rund 60 Kilometer von Venedig entfernt.

  • Die Produktion von Rohpapier wird eingestellt, ein Entscheid von historischer Tragweite für ein Unternehmen, das sich jahrhundertelang als Papierfabrik definierte.

  • Aufräumen im Papier-Portfolio: Schluss ist auch mit der Herstellung von Spezialpapier, das in der Schweiz nicht mehr profitabel produziert werden kann und wozu in den italienischen Fabriken die technischen Voraussetzungen fehlen. Darunter das bisherige 50-Millionen-Franken-Business «Industrial Release» (Silikon-Rohpapiere) – Klebebänder, Haftetiketten oder Folien, mit denen unter anderem Karrosserien eingekleidet werden. Man denke an bräunliche Taxis oder grüne Polizeifahrzeuge in Deutschland.

 

Strategie für den Umbau

2007 erarbeitete Peter Studer im Rahmen des SKU Advanced Management Program die Strategie für den Standort Cham des heute Cham Paper Group genannten Konzerns. Damals war nicht absehbar, dass die Firma wenige Jahre später aus der Herstellung von Rohpapier aussteigt und jenen Firmenbereich schliesst, der über 350 Jahre das Herz des Unternehmens war. Für den Standort Schweiz setzte Studer dennoch schon auf Spezialpapiere und Gesamtlösungen. Im Dezember 2011 kündigte er – inzwischen seit zwei Jahren operativer Verantwortlicher des gesamten Unternehmens – dessen radikalen Umbau an. Den Anstoss dazu hatten Währungsverluste von 20 bis 25 Millionen Franken innert zweier Jahre gegeben. Basis der Richtungsänderung bildeten Eckpfeiler von Peter Studers Strategie aus dem Jahr 2007.

 

Restrukturierung hin zum Lösungsanbieter

Zu den Konkurrenten der Cham Paper Group gehören Sappi (Südafrika), Ahlstrom (Finnland), Burgo (Italien), Delfort (Österreich) und Papel Aralar (Spanien). «Unsere Branche steckt gedanklich tief in der Schwerindustrie. Reiner Beschichter und Veredler statt Papierfabrikant zu sein, das können sich unsere Mitbewerber im Moment noch nicht vorstellen. Der Euro verursacht bei ihnen keinen Leidensdruck. Sich als Erster bewegen zu müssen, ist für uns eine Chance», sagt Peter Studer. Als Lösungsanbieter sah sich die Cham Paper Group bereits seit einigen Jahren. Nichtsdestotrotz verändern der Wegfall der Rohpapierproduktion und der kompromisslose Fokus auf Veredelung und Beschichtung das Selbstverständnis stark.

 

In Cham bleibt unter anderem das «Digital Imaging» angesiedelt. Papier wird beispielsweise im Produktionsprozess von Sporttextilien eingesetzt. Bisher verkauft das Unternehmen typischerweise Quadratmeter Papier an Textildruckereien, künftig Quadratmeter bedrucktes Textil an deren Kunden. Im Bereich «Consumer Goods» kam eine Lage der Verbundpapiere, die bei Suppen oder Getränkebeuteln und Eisverpackungen eingesetzt werden, aus Cham. Neu bietet die Zuger Firma eine Lösung mit einem einzelnen Papier an. Es braucht kein Aluminium und lässt sich kompostieren. Die Cham Paper Group liefert dieses Produkt direkt an Nahrungsmittelhersteller statt wie bisher an deren Lieferanten, die dann mehrere Lagen zum Verbundpapier zusammenfügten.

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